Steckbrief

Steckbrief

Gestatten, ich bin Christof

Fachabitur, Lehre, Zivildienst – der Lebensweg des jungen Christof erscheint auf den ersten Blick ganz gewöhnlich. Doch im Alter von 26 Jahren der Schock: Eine langjährige Beziehung scheitert, zugleich verliert er seinen Arbeitsplatz. Christof wird depressiv. Kurze Zeit später diagnostizieren die Ärzte Schizophrenie.

Ein Leidensweg mit vielen Höhen und Tiefen beginnt. Aber Christof kämpft: „Ich habe nie resigniert, nie die Hoffnung aufgegeben.“ Es gibt viele Momente der Verzweiflung, doch am Ende findet der Rheinländer zurück ins Leben. Zurück zu Leidenschaften, die ihn seit seiner Jugend faszinieren – die Kunst, analoge Hifi-Geräte und historische Motorroller. Im Sommer 2013 ist es endlich soweit: Christof wagt eine mehrtägige Roller-Tour durch die Eifel. Das zweite erste Mal sitzt er wieder auf dem Sattel. Und die Gefühle sind unbeschreiblich. Die schwierigen Zeiten sind in diesem Moment vergessen – endlich wieder frei.

Christof, geboren 1963 in Köln, ist ein kreativer Kopf. Das hilft ihm im Umgang mit seiner Erkrankung. Der Rheinländer ist Künstler, Feinmechaniker, Schreiner, Sammler und Tüftler in einer Person. Er hatte schon immer ein Faible für das Gestalten. „Mich reizt alles, was ich mit meinen Händen machen kann. Wenn ich eine alte Dose auf der Straße sehe, dann will ich daraus etwas Neues herstellen“, sagt er. Schon als Kind und Jugendlicher begeistern ihn kreative Arbeiten wie der Modellbau, später entdeckt er die Kunst für sich – er malt, zeichnet, entwickelt Skulpturen und ausgefallene Objekte.

Weitere Informationen:

Schizophrenie24x7 - Plattform für Schizophrenie-Patienten und Angehörige

Stationen

Stationen

„Ich hatte eigentlich eine gewöhnliche Jugend“

1979 – 1989: Mopeds, Mixtapes und Modellbau

Eine Jugend in den 1980er-Jahren: Christof hört Depeche Mode-Songs, mixt Musik-Kassetten für seine Freunde, entdeckt das Nachtleben von Köln. Seine Kreativität bahnt sich ihren Weg. Er werkelt an Miniaturmodellen, besucht die Kunst AG seiner Schule. Außerdem faszinieren ihn Zweiräder. „Das Größte für uns war es, Mopeds zu frisieren“, erzählt er. Im Alter von 26 Jahren geht ein großer Wunsch in Erfüllung: Er kauft sich einen alten Motorroller, die „dicke Bella“. „Ich habe damals gedacht: Alles wird gut“.

„Dann kam der totale Crash – von heute auf morgen“

Erste Lebenskrise, ca. 1989/1990: Der Absturz

Um 1990 gerät Christof in eine Lebenskrise, er empfindet es wie einen „Crash“. Die Firma, in der er seit 1989 tätig ist, meldet Konkurs an, Christof ist plötzlich arbeitslos. Und: Seine Freundin verlässt ihn – seine erste große Liebesbeziehung geht in die Brüche. „Die Welt hat mich damals auf ganzer Linie enttäuscht“. Der Endzwanziger verkriecht sich in seiner Wohnung, einsam und depressiv. Selbst seine Eltern werden ihm in dieser Zeit fremd. „Durch dieses Alleinsein kam die Krankheit erst richtig hoch.“

„Ich verlor die Verbindung zur Welt – und zu mir selbst“

1990: Die Diagnose: Schizophrenie

Christof beginnt eine Umschulung zum Metallbauer. Doch mit der schroffen Art seiner Kollegen kommt er nicht klar. „Die Menschen wurden mir zum Feind“, sagt Christof. Die Situation eskaliert. „Ich verlor den Kontakt zur Außenwelt – und zu mir selbst“. In einer Klinik in der Nähe von Köln erhält er die Diagnose: „Endogene Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis“. Es folgt ein einjähriger Aufenthalt in der Reha-Station der Klinik, nach Einschätzung von Christof ohne eine zielführende Therapie. Im Gegenteil: „Es war der Horror. Es gab damals kaum sinnvolle Beschäftigungen.“

„Ich konnte endlich wieder aufatmen, zu mir selbst finden“

Ab 1991: Licht am Horizont

Ende 1991 erhält Christof einen Platz für eine Reha-Maßnahme: in der Nachsorgeeinrichtung „Drimbornshof“ bei Köln. Hier erfährt er eine ganzheitliche Therapie, die medikamentöse Behandlung mit psycho- und sozialtherapeutischen Maßnahmen verbindet. „Auf dem Drimbornshof habe ich angefangen, das Leben wieder positiv zu erkennen“, sagt Christof. Die Gemeinschaft mit den Mitpatienten gibt ihm neue Kraft. „Wir waren alle jung und motiviert, wir wollten weiterkommen. Und wir waren glücklich über die vielen Arbeits- und Freizeitangebote.“

„In schwierigen Zeiten hat mir mein Umfeld den Rücken gestärkt – zum Glück“

1992 (und 2002): Rückschläge

Acht Jahre lebt Christof auf dem Drimbornshof. Die Zeit empfindet er als Durchbruch, als Wende zum Besseren – mit allen Höhen und Tiefen. Phasenweise meldet sich seine Erkrankung mit Wucht zurück, beispielweise 1992. Christof kommt in eine Klinik in Düren. Aber sein Umfeld hält zu ihm: „Ich hatte jeden Tag Besuch. Entweder von meinen Eltern oder von meinen Mitbewohnern und Therapeuten vom Drimbornshof“, sagt er. „Das ist enorm wichtig in solchen Krisensituationen: soziale Kontakte.“

„Das war ein echter Befreiungsschlag“

1993 und 2002: Comeback für die Kunst

Auf dem Drimbornshof arbeitet Christof in der Therapiewerkstatt mit – hier kann er endlich wieder werkeln, tüfteln, kreativ sein. Seine Mitbewohner motivieren ihn schließlich, zum Pinsel zu greifen. Christof fängt an, Aquarelle zu malen. „Ich merkte, da ist Freiheit möglich, Freiheit im Gestalten“. Sein Künstlerherz beginnt erneut zu schlagen. Der Clou: Die Bewohner und das gesamte Team der Einrichtung organisieren eine Ausstellung rund um das Thema Psychose. „Die Schau war phantastisch, ein großer Erfolg“, sagt Christof.

„Diese Tour war großartig – ein unvergessliches Erlebnis“

2013: Mit dem Silberpfeil auf Achse

Seinen Motorroller „dicke Bella“ hatte Christof in seinen schweren Zeiten leider verkauft. Jetzt stöbert er im Internet – und wird fündig: Er kauft einen silbernen Hercules-Roller, Baujahr 1967. Im Jahr 2013 ist es dann soweit: Christof wagt die große Tour: Auf eigene Faust düst er mit seinem neuen „Silberpfeil“ mehrere Tage quer durch die Eifel – es ist sein zweites erstes Mal. „Es war ein befreiendes Gefühl“. Seinen neuen Roller hat er auch als Miniaturmodell verewigt – mit viel Liebe zum Detail.

Wie geht es Christof heute?

Wie geht es Christof heute?

Ich bin nicht geheilt, aber ich lebe mit der Schizophrenie zusammen.

Wie lebt Christof mit der Erkrankung?

Christof ist heute als Arbeitsanleiter und Haustechniker tätig - dort, wo er in den 1990er-Jahren eine Rehabilitation absolvierte: auf dem Drimbornshof. „Ich bin nicht geheilt, aber ich lebe mit der Schizophrenie zusammen“, sagt der 52-Jährige. „Auch wenn manchmal noch die Gedanken auftauchen, sie bedrohen mich nicht mehr.“ Christof ist weiterhin in Behandlung. Er sagt: „Ich habe der Schizophrenie etwas Wichtiges entgegenzusetzen: das Schöne. Dinge wie Musik, Tanzen, Essen, Motorroller fahren, das ist alles wieder da“. Auch seine Leidenschaft für analoge HIFI-Anlagen aus den 1980er-Jahren hat Christof wiederentdeckt. Mit Herzblut repariert er defekte Geräte und sammelt Liebhaberstücke.

Nach einer hochproduktiven Phase hat die Kunst derzeit keine Priorität für ihn, doch er bleibt voller Pläne und Tatendrang. „Ich hätte zum Beispiel mal wieder Lust, Comics zu zeichnen.“ In seiner Wohnung ist Christof von seinen Kunstwerken umgeben. Er deutet auf eines seiner Bilder aus früheren Zeiten: ein gewaltiges Nashorn im Trab. Er habe dieses Tier seinerzeit als Bedrohung empfunden, erzählt er. Mittlerweile habe er begriffen, dass dieses Wesen ein Teil von ihm ist.

Wenn er diesen Teil annehme, dann laufe das Nashorn parallel mit ihm, ohne Gefahr. Christof scheut sich nicht, mit seiner Geschichte zu seinem Leben mit Schizophrenie an die Öffentlichkeit zu gehen, im Gegenteil: „Kranke Menschen sollten sich nicht verstecken.“ Er will dazu beitragen, dass die Menschen Schizophrenie und andere psychische Erkrankungen besser verstehen. Und er will Mut machen. Er rät jedem, der krank wird, die Hoffnung niemals aufzugeben. „Die Betroffenen erhalten mit ihrer Diagnose eine besondere Aufgabe. Und das macht sie zu besonderen Menschen“, sagt Christof. „Ich bin davon überzeugt, dass wir alle irgendwie geborgen sind in dieser Welt, ganz gleich, was uns passiert.“

Christof
Kranke Menschen sollten sich nicht verstecken.

Im Gespräch mit

IM GESPRÄCH MIT

Lena Meiselbach

„Schizophrenie-Betroffene werden stigmatisiert.“

Lena Meiselbach entwickelt bei Janssen Konzepte, die Patienten in ihrer Therapie unterstützen – über die reine Behandlung mit Medikamenten hinaus. Im Interview spricht die Psychologin darüber, wie sich Lücken in der Versorgung von Schizophrenie-Patienten schließen lassen.

Frau Meiselbach, Christof leidet seit Jahrzehnten an Schizophrenie. Können Sie erklären, was das für ihn bedeutet?

Das lässt sich nicht mit klassischen körperlichen Beschwerden vergleichen. Ein gebrochenes Bein kann man schnell erkennen und nach dem Lehrbuch behandeln. Bei der Schizophrenie fällt oft bereits die Diagnose schwer, da Krankheitsverlauf und Symptome von Fall zu Fall sehr unterschiedlich sind, sich sogar von Tag zu Tag ändern können. Daher ist es sehr schwer zu erklären, was die Krankheit für den Betroffenen selbst bedeutet.

Brauchen wir hier mehr Aufklärung?

Ja, bei körperlichen oder organischen Erkrankungen finde ich relativ einfach verlässliche Informationen. Bei psychischen Erkrankungen im Allgemeinen und der Schizophrenie im Besonderen gibt es hingegen vor allem eines: Vorurteile. Die Betroffenen sind stigmatisiert und es stehen nur wenige zuverlässige Quellen zur Verfügung, wo sich Patienten, Angehörige und Interessierte informieren können.

Sie arbeiten an Versorgungskonzepten. Wie muss man sich das vorstellen?

Wenn wir Patienten optimal versorgen wollen, müssen wir den Mensch in den Mittelpunkt stellen und überlegen, wie wir sie auch über die reine Medikation hinaus unterstützen können. Denn es gibt Patienten, die ihre Behandlung infrage stellen und beispielsweise ihre Medikamente ablehnen. Genau dort setzen wir an. Manchmal können schon ganz kleine Dinge helfen, etwa die bereits angesprochenen qualifizierten Informationen. Vor diesem Hintergrund haben wir zum Beispiel die Website www.psychose-wissen.de entwickelt.

Was finde ich auf dieser Website?

Anstatt langer Texte gibt es auf der Seite wissenschaftlich fundierte, aber laiengerecht aufbereitete Videos rund um das Thema Psychosen. Dafür haben wir eng mit dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf zusammengearbeitet. Wir lassen Fakten sprechen, um Vorurteile aus der Welt zu schaffen. Auf dieses Projekt bin ich sogar richtig stolz! Die Nutzerzahlen bestätigen uns, dass diese Informationen gebraucht werden.

Lena Meiselbach
Manchmal können schon ganz kleine Dinge helfen.

Warum engagiert sich Janssen hier?

Angebote wie diese helfen dabei, sicherzustellen, dass Patienten ihre Behandlung konsequent durchführen und nicht vorzeitig abbrechen. 

So schließen wir die Lücke zwischen dem erwarteten Nutzen eines Medikaments, der durch klinische Studien belegt ist, und der tatsächlichen Anwendung in der Praxis.

Und was bedeutet das für Sie persönlich?

Das Schönste ist, wenn ich eine positive Rückmeldung von Patienten selbst erhalte, von Angehörigen oder von Ärzten und Therapeuten. Ich freue mich, wenn meine Arbeit dazu beigetragen hat, Betroffenen das Leben ein Stück weit lebenswerter zu machen. Dann sehe ich einen Mehrwert, einen Sinn in meiner Arbeit. Denn jeder Schritt hin zu einem selbstständigen Leben kann dazu beitragen, auch die kleinen Dinge wieder zu genießen. Eben: „Mehr leben im Leben“.

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